Abtsdorf war eine eigenständige Pfarre

Im Eichenwald, östlich von Enzersdorf, liegt das schmucke Fachwerk-Forsthaus Ödenkirchen. Südlich davon gibt es den Flurnamen „Hausboden“. Nicht ohne Grund. Hier lag einst die blühende Ortschaft Abtsdorf, die später auch Ober-Abtsdorf geheißen haben soll. Sie wurde wohl vor über 1.000 Jahren gegründet, war sogar eigenständige Pfarre und verschwand im 15. Jahrhundert.

Nach einer Schilderung aus dem Jahr 1833 war das damals schon verödete Abtsdorf im Langenthal (auch Ober-Abtsdorf genannt) einst mit Äckern und Weingärten an den umliegenden Anhöhen gar romantisch geziert. Noch gegen 1770 und 1884 fand man auf dem Areal – Erzählungen zufolge –ganze Weinstöcke, die mitten im Wald standen. Und auf den Wiesen geriet man auf Grundfesten, Mauern und Brunnen.

 

Ober-Abtsdorf vor über 1.000 Jahren gegründet

 

Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Laserscan-Aufnahmen lassen jedoch einige interessante Rückschlüsse auf die einstige Dorfanlage zu.

 

Doch von Anfang an: Im Jahr 1040 wird der Ort bereits erwähnt. Damit muss die Siedlung zumindest um das Jahr 1.000 angelegt worden sein.

 

 

Aus einer Urkunde aus dem Jahr 1292 ist bekannt, dass in Abtsdorf im langen Thal eine Kirche stand, deren regelmäßig den Gottesdienst versehender Kaplan zwar dem Pfarrer von Eggendorf im Thale untergeordnet war, aber die Vermögensverwaltung (Jahrtagsstiftungen) selbständig innehatte.

 

 Das Dorf gehörte der Abtei Ebersberg in Oberbayern (kaiserliche Schenkung des Ortes Langaztal/Langintal um 1055 ebenfalls an dieses Stift). Zu dieser Zeit gehörte die "Ostmark" (heutiges NÖ mit Wien) zum Herzogtum Bayern und damit zum römisch-deutschen Reich.

 

Ort wird eigene Pfarre

 

Schon vor 1429 wurde (Ober-)Abtsdorf eine eigene Pfarre unter dem Patronat des Pfarrers von Eggendorf. Unter den hierher eingepfarrten Filialorten waren möglicherweise das vor 1456 abgekommene benachbarte Partz im Langenthal, Apaerdorf, das Dorf auf der Zeilerwiese und Unter-Abtsdorf.

 

In einem Verzeichnis aus 1476 erscheint die Pfarre „Abtstorf bei Entzesdorf“ nochmals, jetzt unter dem Patronat der Kuenringer. Damals war der Ort wahrscheinlich schon verödet. Möglicherweise lag das an den Kriegshandlungen in und um Enzersdorf durch die Böhmen 1458. Denn um diese Zeit ist eine wertvolle Reliquie aus der Kirche, die wie die Abteikirche in Ebersberg dem Heiligen Sebastian geweiht war, ebendort hingekommen.

 

Ein Vierteljahrtausend später sollte die Kirche aber wieder aufgebaut werden. In jenem Bereich, wo heute das Forsthaus Ödenkirchen steht (lesen Sie hier weiter).

 

Friedhof im Bereich des heutigen Forsthauses

 

Blickt man heute via Luft-Laserscan-Aufnahmen auf dieses Areal und berücksichtigt man die Siedlungsstrukturen der benachbarten Dörfer aus dieser Zeit, wird schnell klar, wie der Ort angelegt war. Der nördlichste Punkt der Siedlung lag aus geografischen Gründen im Bereich des heutigen Forsthauses. Schriftlichen Überlieferungen zufolge stand dort einst die Pfarrkirche. Im Bereich der Kirche war mit größter Wahrscheinlichkeit der Friedhof angelegt.

 

Die beiden Hügel, zwischen denen die Kirche stand, wurden landwirtschaftlich für Getreide und Weinanbau genutzt: Die Terrassenfelder der Südflanken sind auf den Laserscanaufnahmen nach wie vor zu erkennen. Auch entlang des Göllersbaches waren Wiesen und Felder angelegt – in kleinen Bereichen noch heute.

 

Umgeben war der Ort, der genau südlich der Kirche lag, mit größter Wahrscheinlichkeit von einer Graben-Wall-Anlage. Sie sorgte dafür, dass das Hangwasser vom Dorf abgeleitet wurde und schützte vor Räubern und wilden Tieren.

 

Überflutungsgefahr bei Starkregen

 

Dennoch war der Ort durch Überschwemmungen gefährdet. Wie aus der Hangwasserkarte hervorgeht, fließen hier ein Graben aus dem Norden (unmittelbar östlich der ehemaligen Kirche bzw. des heutigen Forsthauses) und zahlreiche Hauptfließwege bei Regen zusammen und münden in den Göllersbach. Dieser floss allem Anschein nach durch das Dorf und drohte bei Starkregen über die Ufer zu treten, wie das noch im 20. Jahrhundert vor der Göllersbach-Regulierung in Enzersdorf der Fall war.

 

Es ist aber auch denkbar – wenngleich untypisch – dass die Kirche nicht innerhalb des Dorfwalles lag, sondern separat befestigt war. In diesem Fall wäre der Göllersbach zwischen dem Dorf und der Kirche verlaufen. Damit wäre die Überflutungsgefahr für die Häuser auf ein Minimum reduziert worden. Denn nördlich und südlich des Baches ist das Gelände leicht steigend.

 

Relativ nah – nur rund 1,3 Kilometer westlich von Abtsdorf – lag die archäologisch gut erkundete Ortschaft Partz. Zusätzliche zwei Kilometer weiter befindet sich Enzersdorf. Im Süden lag ebenfalls ein Ort – vermutlich das verschollene Nieder-Abtsdorf. Östlich befand sich das urkundlich erwähnte Apaerdorf.

 

Weichselbaum, Josef (1993): Heimatbuch von Enzersdorf/Th. und Kleinkadolz. Eigenverlag: Keinkadolz http://www.hollabrunner.at/Fittner/indexegg.htm, abgefragt am 21.11.2016

 

Schweickhardt, Franz Xavier Joseph (1833): Darstellung des Erzherzogtums unter der Enns. Erster Band. PP. Mechitaristen: Wien. S. 249.

Wo heute das Forsthaus Ödenkirchen liegt, stand einst die Kirche. Südlich davon (unmittelbar links vom Wort "Hausboden") war Abtsdorf. Nur 1,3 km westlich lag das Dorf Partz ("Guntersdorfer Hauswald").
Wo heute das Forsthaus Ödenkirchen liegt, stand einst die Kirche. Südlich davon (unmittelbar links vom Wort "Hausboden") war Abtsdorf. Nur 1,3 km westlich lag das Dorf Partz ("Guntersdorfer Hauswald").
In den angrenzenden Hügeln gut erkennbar sind die Feldterrassen und südlich ausgerichteten Weingärten von Abtsdorf. Die Löcher beim Forsthaus sind Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg.
In den angrenzenden Hügeln gut erkennbar sind die Feldterrassen und südlich ausgerichteten Weingärten von Abtsdorf. Die Löcher beim Forsthaus sind Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg.
Die Hangwasserkarte zeigt die hohe Überschwemmungsgefahr im Bereich des Göllersbaches (schmale Doppellinie, die von Ost nach West verläuft).
Die Hangwasserkarte zeigt die hohe Überschwemmungsgefahr im Bereich des Göllersbaches (schmale Doppellinie, die von Ost nach West verläuft).